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Soziale Strukturen in Rudeln und Hundegruppen

Mit den Wolfswinkeler Hundetage 2015 gab es die 23. Auflage des großen Seminars, das in diesem Jahr vom 11. bis zum 13. September in Wissen stattfand. Thema waren soziale Strukturen in Rudeln und Hundegruppen. Mit mehr als 60 Teilnehmern war die Veranstaltung nicht so gut besucht wie in den Vorjahren. Die Besucher bekamen aber wieder eine Fülle von Informationen und von anspruchsvollen Referaten aus Forschung und Praxis geboten.

„Nie war das Interesse an Hunden so groß wie heute, nie hatten wir so viele Hunde in Deutschland, nie wurde so viel in Fachzeitschriften und wissenschaftlichen Journalen darüber berichtet und nie war die Bindung Mensch-Hund in der Gesellschaft enger als heute“, sagte Dr. Franz Straubinger, Geschäftsführer der Hatzfeldt- Wildenburg´schen Verwaltung, in seinen traditionellen Grußworten. Die Wolfswinkeler Hundetage seien in ihrer Art unnachahmlich. „Wissenschaft ist ergebnisoffen, wirtschaftlich unabhängig und sachorientiert, also beste Voraussetzungen, um objektive Informationen weiterzugeben.“

150913 WWHT 2015 1Dr. Udo Gansloßer machte am Freitag mit seinem Beitrag den Auftakt und stieg gleich in hochkomplexe Fragen der Genetik ein. Dabei ging es ihm um die These der angeblich angeborenen Rudelstellung über deren Medienresonanz er sagte: „Wieder einmal wird eine Sau durch‘s Dorf gejagt.“ Allerding setzte er sich in seinem Vortrag ohne Polemik auf hohem wissenschaftlichen Niveau mit dem Thema auseinander, indem er prüfte, ob es nicht doch genetisch möglich sei, in einem Wurf vorgefertigte Verhaltensmuster von Welpen immer wieder zu generieren und welche genetischen Bedingungen dabei zu erfüllen wären. Dabei vermittelte er einige grundlegende Begriffe und Gesetzmäßigkeiten der Genetik, was nicht ohne Anstrengung in den Köpfen des Publikums zu vermitteln war. Sein eindrucksvolles Fazit lautete, dass kein erblicher Mechanismus denkbar wäre, der dazu führen könnte, festgelegte Verhaltensgrundtypen in einem Wurf oder einem Rudel zu erzeugen. Verhalten sei vielmehr flexibel, wobei natürlich die Veranlagung eine Rolle spiele, deren wichtigster Faktor aber die Erfahrung der Individuen sei.

Gleich zwei Beiträge, die sich sehr an der Praxis der Hundehaltung orientierten, lieferte Dr. Karin Nicodem. Ihre Themen waren „Der Hund und sein Verhalten - alles ererbt?" und "Ein Hund ist gut - sind zwei oder mehr Hunde besser? Vor und Nachteile der Mehrhundehaltung“. Dabei konnte die studierte Agrarwissenschaftlerin auf ihren Erfahrungsschatz zurückgreifen. Sie gründete 1990 ein Tierheim, später kam ein großer Hundetreff dazu. Sie ist Inhaberin einer Tierpension sowie einer Hundeschule, ist seit langer Zeit im Tierschutz tätig und züchtet Magyar Vizsla. Einer ihrer Aspekte war die Größe von Hundegruppen, um ein friedliches Miteinander zu erwirken. Auch Nicodem betonte die Rolle des erlernten des flexiblen Verhaltens, was für eine stabile Sozialstruktur eine wesentliche Grundlage sei.

150913 WWHT 2015 2Mit Kerstin Raupach und Johanna Lentz gab es gleich ein Doppelreferat. Die erste ist Dipl. Biologin, die zweite B.A. Pädagogin mit dem Schwerpunkt Neurobiologie und beide widmeten sich den Beziehungsstrukturen und der Kommunikation in Hundegruppen. Dabei beleuchteten sie die Frage, ob Verhalten genetisch fixiert oder erlernt ist. Verhalten habe immer auch eine genetische Basis, so ein Aspekt des Beitrags. Allerdings sei die genetische Voraussetzung nur ein Faktor. Umwelteinflüsse und soziale Faktoren prägten nachhaltig das Verhalten eines Individuums. Rollenunterschiede ergäben sich aus der Tatsache, dass verschiedene Individuen miteinander lebten. Die Referenten erläuterten dazu auch den neurobiologischen Hintergrund als Grundlage, um Verhalten zu erlernen und zu verfestigen. Dr. Silke Plagmann brachte in ihrem Referat den Aspekt der Domestikation mit ins Spiel. Hunde seien in vieler Hinsicht keine Wölfe mehr. Denn während Wölfe auf ein Zusammenleben im Rudel angewiesen wären, um beispielsweise besser Futter beschaffen oder Welpen erfolgreich aufziehen zu können, sei dies bei Haushunden gar nicht mehr notwendig, da der Mensch die wesentlichen Notwendigkeiten zum Überleben der Art absichere. Dadurch seien auch die Fähigkeiten zur Kommunikation untereinander unterentwickelter als bei Wölfen. Versuche an der Universität Kiel hätten ergeben, dass die meisten Haushunderassen im Gegensatz zu Wölfen nicht in der Lage sind, eine stabile Sozialstruktur innerhalb einer eigenständigen Gruppe zu bilden und dass aggressive Zwischenfälle auch von der Rasse abhängen. So hätten beispielsweise Deutsche Schäferhunde und Alaskan Malamute im Unterschied zu anderen Rassen noch relativ gut abgeschnitten, eine stabile und befriedete Ordnung innerhalb ihrer Gruppe zu etablieren, während bei anderen Rassen wie beispielsweise bei Zwerg- und Königpudeln kleine Streitigkeiten eskalierten bis hin zu Beschädigungskämpfen. Eines ihrer Fazits war, dass bei einer Mehrhundehaltung, die lenkende Hand des Menschen unverzichtbar sei und sich jeder Halter dieser großen Verantwortung bewusst sein sollte.

„Straßenhunde und ihr System" war abschließend das Thema von Stephan Kirchhoff, der bereits bei den Wolfswinkeler Hundetagen 2014 über seine Erfahrung während einer Reise durch viele südeuropäische Länder berichtet hatte. In seinem Referat stellte er noch einmal die fundamentalen Unterschiede zwischen freien Hundegruppen und Wolfsrudeln heraus. Es gäbe zumeist keine engen verwandtschaftlichen Beziehungen in den Hundegruppen, das gemeinsame Jagen entfalle, es gäbe kein Abwanderungsverhalten adulter Tiere und die Reproduktion ranghoher Tiere sei fast gleich. Zudem sei die Wurfgröße bei den Hundegruppen kleiner als bei Wölfen und die Sterblichkeit der Jungtiere eklatant hoch - nur fünf bis 22 Prozent erreichten das Alter von einem Jahr. Straßenhunde seien zudem einzeln unterwegs und nicht in Rudeln, weshalb ihr Verhalten eher fuchsähnlich sei. Auch das Kontaktliegen sei bei Wölfen wesentlich häufiger zu beobachten als bei Straßenhunden. Kirchhoff stellte dabei auch heraus, dass es den Straßenhund als solchen nicht gäbe. Man können zwar Tiere ohne jeden menschlichen Einfluss beobachten, aber in der Mehrzahl gäbe es immer Menschen, die sich irgendwie um die Hunde kümmerten, zumindest durch Futtergaben. Streuner seien eben Haushunde und keine Wildtiere und in ihren sozialen Strukturen hätten Hundegruppen mit Wolfsrudeln nicht mehr viel gemein. Daneben gab es noch zwei weitere Referate außer der Reihe. Dr. Frank Wörner berichtete über das Wolfsmanagement in Rheinland-Pfalz und gab einen aktuellen Überblick über die Situation des Wolfs in dem Bundesland. Dirk Roos, wissenschaftlicher Leiter der Trumler-Station, zeigte in einem Diavortrag Bilder seiner Reise nach Kanada. Im Mittelpunkt standen Wildtieren die unmittelbar an Siedlungsgebieten leben und mit der Nähe des Menschen sehr gut zurecht kommen.