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Neue Infoschrift zu einer ungewöhnlichen Hundeart erschienen. Biologe Dr. Frank Wörner führt Leser nach Australien und Neuguinea. Tiere sind heute in ihrem Bestand bedroht. Infoschrift steht im Internet zur Verfügung.

Um gleich mit einem Irrtum aufzuräumen: Australische Dingos sind Haushunde und keine Wildtiere im eigentlichen Sinn. Jedenfalls waren sie mal Hunde, die an der Seite der Menschen lebten. Allerdings kann die Natur das Rad der Geschichte auch zurückdrehen. Die australischen Dingos leben wild und sind nicht von Menschen abhängig. Dieser Rücksprung vom Haustier zum Wildling macht sie für Biologen und insbesondere für die Kynologen, für die Hundekundler, so interessant. Hinzu kommt, dass die Vorfahren der heutigen Dingos zu einem Zeitpunkt wieder verwilderten, als die Domestikation des Wolfes zum Haushund noch nicht sehr weit fortgeschritten war.

Große Mengen an aktueller Literatur zum Dingo gibt es im deutschsprachigen Raum nicht. Bei den einschlägigen Buchhändlern im Internet ist derzeit nicht ein einziges Werk verfügbar. Die Gesellschaft für Haustierforschung (GfH) stößt daher mit ihrer 30-seitigen Schrift, die mehr ist als nur eine Infobroschüre, in eine echte Informationslücke für alle Hundefreunde. Der Biologe Dr. Frank Wörner, der auch diesmal als Autor gewonnen werden konnte, führt seine Leser nicht nur nach Australien sondern auch nach Neuguinea und damit zu einer Sonderform des Dingos. Wörner schließt auch an seinen letzten Beitrag für die GfH an, wo er über ursprüngliche Hunde auf Madagaskar und Indonesien berichtete und stellt noch einmal die Verbindung dieser außergewöhnlichen Hundearten zum australischen Dingo her.

Alles begann vor circa Vier- bis Fünftausend Jahren. Überall auf der Welt, wo Menschen lebten, hatten diese längst mit Booten und ersten seetauglichen Schiffen Flüsse und Küstengebiete zu Highways des Altertums gemacht. Menschen und Lasten konnten einfach transportiert werden, Siedlungen und Handelsstützpunkte wurden gegründet. Auch in Asien entstanden diese Seefahrerkulturen und diese hangelten sich entlang der indonesischen Inseln ostwärts bis nach Australien. An Bord dieser Schiffe waren aber nicht nur Matrosen und Fracht, sondern auch Hunde. Warum sie an Bord waren weiß man nicht genau. Wurden sie als Wachen mitgenommen? Waren sie etwa lebender Proviant? Man kann darüber nur spekulieren, denn die Quellenlage ist dünn.

Ausreißer behaupten sich in der Wildnis

Einige Hunde machten dann wohl das, was moderne Haushunde auch heute schon mal tun und weshalb es heute Organisationen wie Tasso gibt. Sie büchsten aus. Wer die quirligen Dingos kennt, in der Ebehard-Trumler-Station kann man ja die Tiere aus der Nähe erleben, wer berücksichtigt wie clever die Hunde sind, welchen Freiheitsdrang sie haben und wie findig sie sind, jede Lücke zu nutzen, kann sich das lebhaft vorstellen. Nur im noch völlig unberührten Australien wurden diese Ausreißer nicht zu Straßenhunden, die die Möglichkeit zum Schnorren gehabt hätten, sondern mussten zwangläufig ihren instinktiven Jagdtrieb nutzen, um sich und ihre Nachkommen ernähren zu können. Die Natur erledigte das Übrige und förderte in den nachkommenden Generationen Hunde, die es immer besser verstanden, wieder wie ein Wildtier zu leben.

Geplant hatten die Dingos mit Sicherheit nicht, für eine große Verwirrung bei den Biologen zu sorgen. Lange Zeit wusste man gar nicht, was man von diesen Hunden halten sollte. Merkwürdig war nämlich, das Australien der Kontinent der Beuteltiere war, eine Form der Säugetiere, die man sonst nirgendwo auf der Welt antraf –höchstens als Fossilien in Südamerika. Ausgerechnet der einzige große Beutegreifer des Kontinents, war aber kein Beuteltier. Er sorgte mit einer Placenta und der Geburt von fortgeschritten entwickeltem Nachwuchs für seinen Fortbestand und tat damit das, was auch Wölfe und alle sonstigen Säugtiere inklusive uns Menschen tun. Merkwürdig war auch, dass die Evolution auf Tasmanien mit dem Beutelwolf, sehr wohl einen Jäger aus der Familie der Beuteltiere hervorgebracht hatte, es diese Art auf Australien aber nicht gab.

Durch Fossilien kam man schließlich dahinter, dass es Beutelwölfe sehr wohl auch auf Australien gegeben hatte, deren Ende aber vor 2.000 Jahren besiegelt war. Die Geschichte muss sich so zugetragen haben, dass diese Tiere gegen die sehr erfolgreichen Dingos langfristig keine Chance hatten und schließlich in Australien ausstarben, auf Tasmanien aber überleben konnten, weil es dort gar keine Dingos gab. Dass die Dingos als neue Jäger in den Landschaften des fernen Kontinents in Wirklichkeit mal Haustiere waren, stützten erste systematische Untersuchungen und Messungen: Unterschiede zum Wolf waren offenkundig und Ähnlichkeiten zu Haushunden zu groß. Moderne Untersuchungsreihen des Genmaterials bestätigen dies auf der ganzen Linie.

"Durch neuere Untersuchungen nicht nur des Schädels, sondern auch der Chromosomen, wissen wir mit Sicherheit, dass der Dingo ein verwilderter Haushund ist", sagt Dr. Frank Wörner. "Der Dingo hat deutliche Merkmale konserviert, die seine verwandtschaftlichen Beziehungen zu den heute noch existierenden ursprünglichen Hunden Südostasiens aufweisen. Ähnlichkeiten gibt es auch zu den Hunden Madagaskars, die vermutlich mit indonesischen Seefahrern aus Borneo vor rund dreitausend Jahren diese Insel besiedelten."

Begünstigt hat ihren Erfolg auch, dass die Dingos auf einer Stufe der Domestikation standen, die noch nicht sehr weit fortgeschritten war. Wären die Ausreißer damals hochgezüchtete und von der Ursprungsform entferne Hunde wie Möpse oder französische Bulldoggen gewesen, hätte bestenfalls die erste Generation das Abenteuer überlebt. Selbst vitale moderne Haushunderassen haben es äußerste schwer, sich ohne den Menschen durchzuschlagen, auch wenn es Einzelfälle geben mag. Dingos sind hingegen nicht nur in ihrem Aussehen sehr ursprünglich, sondern auch in ihrem Verhalten, was den Rücksprung zu einem selbstständigen Leben in der Natur erleichtert hat.

Wer Sorgen hat, weil sein Hund einen ausgeprägten Jagdtrieb hat, kann sich damit trösten, dass jeder Dingo diesen wohl übertreffen wird. Und Dingos verstehen es auch, Erfolg zu haben und kooperativ zu jagen. Zudem sind sie gesegnet mit einer robusten Gesundheit. Beim Bellen halten sie es so wie Wölfe. Man wufft schon mal, aber die häufigste Lautäußerung ist das Heulen. Typisch für eine niedrige Stufe der Domestikation ist, dass die Fähen nur einmal im Jahr läufig werden, bei unseren Haushunden ist es in der Regel zweimal im Jahr.

Bedrohte Tierart

Wenn auch der australische Beutelwolf das Nachsehen hatte, fügten sich die Dingos doch ansonsten nahtlos in das Ökosystem des australischen Kontinents ein. Auch der Mensch lebte über Jahrtausende harmonisch mit den Tieren in ihrer Umgebung zusammen. Wie überall auf der Welt änderte sich dies schlagartig mit der Besiedlung durch die Europäer und ihrer Eroberung des Landes. Zu Anfang diente Australien noch der englischen Krone als Strafkolonie, sollte bald aber wirtschaftlich erschlossen und ertragreich gemacht werden. Heute bilden Millionen von Schafen eine Wirtschaftsäule des Landes, das bei der Wolle zu den Weltmarktführern gehört. Von hier aus wird der ökologisch höchst problematische Textilmarkt mit der Naturfaser aus der Unterwolle der Huftiere versorgt und mit dem Wachsen dieses Wirtschaftszweiges in den vergangenen Jahrhunderten wurde der Dingo als Feind Nummer eins der Woll- und Textillobby und ihren Verbänden ausgemacht.

Heute ist der Dingo in seinem Bestand bedroht. Mit massenhaften Abschüssen, Kopfprämien, Vergiftungsaktionen und barbarische Fallen wurde ihm nachgestellt. Erst langsam gibt es ein Paradigmenwechsel und viele australische Tier- und Naturschützer setzen sich für den Schutz dieser einmaligen Hunde ein. Dies alles erinnert an aktuelle Debatten, die wir auch in unserem Land führen. "Der Dingo wird von seinen Feinden und deren Lobby noch immer als Schädling und Fremdkörper gesehen", sagt Wörner. "Und dies ist eine deutliche Parallele zu dem was wir in Deutschland erleben angesichts der Rückkehr des Wolfes in seine angestammte Heimat und seinem Ansehen in Deutschland."

Dabei haben Untersuchungen sowohl bei australischen Dingos als auch bei Wölfen in Deutschland ergeben, dass es in erster Linie Wildtiere waren, deren Überreste man im Magen oder im Kot identifizieren konnte. Wer hoffte, dass massenhaft Überreste von Nutztieren wie Ziegen und Schafe gefunden werden, wurde enttäuscht. Eingefleischte Gegner konnte des aber hüben wie drüben nicht überzeugen, für sie bleiben die Tiere im Fadenkreuz auch wenn das Erlegen keinen ökologischen Sinn macht und kontraproduktiv ist.

Für den Dingo gibt es zudem eine besondere Bedrohung. Im Gegensatz zum Wolf lassen sich die Tiere auch gerne auf eine Liaison mit einem streunenden Haushund ein. Dadurch gibt es immer mehr Hybriden und die Erhaltung von reinen Dingos wird immer schwieriger. Es droht ein großer Verlust meint Biologe Wörner: "Der ursprüngliche Dingo ist ein einzigartiges Tier und erlaubt uns einen kynologischen Blick in die frühe Geschichte der Domestikation. Als uraltes Kulturgut ist er absolut schützenswert. Wir müssen umlernen und aufhören Wildtiere und Wildlinge als Störfaktor zu sehen, sondern als ein Natur- und Kulturschatz".

Auf der Eberhard-Trumler-Station in Birken-Honigsessen gibt es Gehege mit australischen Berglanddingos und mit Steppendingos. Ihnen zur Seite gestellt ist ein Gehege mit türkisch-iranischen Straßenhunden. Der Sinn besteht darin, Hunde zu haben mit einem niedrigen Fortschritt der Domestikation und Hunde, bei denen der Prozess viel weiter fortgeschritten ist. Dies bietet Gelegenheit zur vielfältigen Verhaltensstudien. Übrigens hat der Grad der Domestikation nicht unbedingt etwas zu tun mit Zahmheit oder Zutraulichkeit. So freuen sich die Steppendingos immer sehr über Besuch in ihrem Gehege, während die türkisch-iranischen Straßenhunde erst einmal sehr zurückhaltend sind. Für Hundefreunde und Trainer lohnt sich ein Besuch auf der Station oder die Teilnahme an einem der turnusmäßigen Seminare sehr.


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